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Buchempfehlungen der Redaktion Globalscout


 Sonja Radatz und Oliver Bartels - Leidensweg BerufSonja Radatz und Oliver Bartels
Leidensweg Beruf

Wer noch die Filmwelt der 50er Jahre kennt, wird beim Untertitel »müssen« gegen »wissen« tauschen und sich an James Dean erinnern: »... denn Sie wissen nicht, was Sie tun.« Wie James Dean geht es Sonja Radatz und Oliver Bartels um das Ringen um Liebe, Anerkennung, Bewunderung und Zugehörigkeit.

 
 

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Anders als im Film geht das, so hoffe ich jedenfalls, wohl meistens ohne Leichen, außer vielleicht denen in unseren Kellern. Die Autoren präsentieren augenzwinkernd provokativ vier Leidensbereiche mit jeweils 20 bis 25 Top-Varianten: Leiden unter sich selbst, Leiden unter anderen, Leiden beim Leiten und schließlich Leiden in Teams. Ihre überaus amüsante und umfassende Reise durch die Welt des Leidens beginnt mit der Frage: »Ist es eine Kunst, zu leiden?«.

… denn Sie müssen nicht, was Sie tun!

Vielleicht denken wir zunächst, wir könnten doch gar nicht anders als zu leiden bei unseren langweiligen Aufgabenfeldern, unfähigen Chefs, nervigen Kollegen und anstrengenden Kunden. Staunend müssen wir sogar anerkennen, wie wir alles in unserer Macht Stehende tun, um das Leiden zu einer hohen Kunst zu erheben. Wir leiden also nicht einfach von selbst, nein – wir entscheiden uns sogar dafür!

Wir sehen die Welt mit unseren eigenen Augen durch unser kleines Guckloch, erachten unsere Einstellungen und Bewertungen für das einzig Wahre und setzen sie gleich mit objektiver Realität: Viele einzelne Ichs gegen den Rest der Welt! Damit wir diese stolze und rebellische Haltung nicht aufgeben oder gar die Leichen aus unseren Kellern ausbuddeln müssen, geben die Autoren 160 Seiten lang alle erdenklichen Tipps, wie wir unser Leiden schnell und effektiv ins Unermessliche steigern können.

Da wir uns selbst immer und überall dabei haben, leiden wir am besten erst einmal unter uns selbst. Der Countdown der Top 20 startet mit »Ich hinterfrage mich nicht!« auf Platz 20, ganz dicht hinter »Ich habe keine Zeit, mich zu hinterfragen!« auf Platz 19. Sieger in der Disziplin ist »Ich bereue, statt zu lernen!« – Klar, oder?

Wenn wir uns nur intensiv genug damit beschäftigen, was wir in unserer Vergangenheit alles bereuen können, wann wir wo falsche Entscheidungen oder Verhaltensweisen gezeigt haben und wie sehr wir heute unter all dem leiden, dann sind wir schon ziemlich auf der sicheren Seite, nichts mehr dazulernen zu müssen. Wie sagt der Volksmund so schön: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!«

Nach so viel Leidenskunstfertigkeit sind wir bereit für den nächsten Schritt: die Kunst, unter anderen zu leiden. Die Top 3 reichen von »Seien Sie gönnerhaft!« über »Seien Sie neidisch!« zu »Seien Sie beleidigt!«. Auf dem 3. Platz ist das Wörtchen »leid« (»be-leid-igt«) sogar schon in der Aufforderung enthalten. Mein persönlicher Liebling ist Platz 9 »Lesen Sie zwischen den Zeilen!« Wenn ich nur lang genug Geschriebenes oder Gesagtes seziere und interpretiere, habe ich ein Reich der Hypothesen vor mir, in dem mich auf verschlungenen Leidenspfaden verlieren kann. Herrlich!

Selbstverständlich können wir auch hervorragend beim Leiten unsere Leidenskunst pflegen. Eindeutiger Spitzenreiter: »Managen Sie Bereiche, für die Sie nicht verantwortlich sind!« – mit Frustgarantie! Wenn wir ganz genau wissen, was all die anderen tun sollten aber bedauerlicherweise nicht tun, und das dann auch noch in aller Deutlichkeit mitteilen, ernten wir doppelten Leidensgewinn: Wir verzweifeln an der Ignoranz der anderen und dürfen uns des Unmuts genau dieser Ignoranten gewiss sein.

Und dann bleibt uns noch ein letzter Leidensweg offen: Wir können die Kunst kultivieren, mit und in Teams zu leiden, schließlich gehören wir alle irgendwo dazu. Auf Platz 1: »Stopfen Sie Löcher, anstatt ein neues Boot zu bauen!« Was für ein wunderbarer Tipp: Wir dürfen arbeiten und leiden, leiden und arbeiten und sind damit so beschäftigt, dass wir in all unserem Leiden gar keine Handlungsalternativen mehr wahrnehmen können – und müssen. Das Leiden ergibt sich hier also wie von selbst!

Nach all diesen Seiten intensiver Beschäftigung mit der Kunst des Leidens, lautet unser Resümee: Ich leide, also bin ich! Es wird wohl kaum jemanden geben, dem diese Hitlisten von Sonja Radatz und Oliver Bartels nicht irgendwie den Spiegel vorhalten. Demzufolge ist jeder herzlich dazu eingeladen, die Tops des Leidens durchzuexerzieren und zur höchsten Perfektion zu bringen. Vielleicht aber sollten wir auch einmal genau das Gegenteil davon tun. Schmunzeln und die Aufforderung zu intensivem Nachdenken liegen bei diesem Buch sehr dicht beieinander.

Corinna Techt, corsensys, Neckartailfingen



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